Euro geht auf Talfahrt, nachdem das Griechenland-Referendum die Wahrscheinlichkeit auf ein Grexit erhöht.

Enrique Díaz-Álvarez29/Jun/2015Devisenmarkt

[Aufgrund der aktuellen Situation in Griechenland sind die Abschnitte zu makroökonomischen Geschehnissen und Nachrichten zur Finanzpolitik kürzer als gewöhnlich.]

 

Letzte Woche fixierten sich die Weltmärkte auf die Meldungen zu den Griechenland-Verhandlungen, nur um nach dem Handelsschluss am Freitag zu erfahren, dass die griechische Regierung am 5. Juli ein Referendum über die Troika-Vorschläge abhalten wird. Ministerpräsident Tsipras schockierte zudem mit seiner Ankündigung, dass sich die griechische Regierung gegen diese Vorschläge einsetzten würde.

Hektische Versammlungen dominierten das Wochenende, die den schlimmsten Tag der Eurokrise und den Finanz-Crash von 2008 wieder ins Gedächtnis riefen. Griechenland forderte eine Verlängerung des aktuellen Rettungspakets, das am 30. Juni auslaufen wird, so dass das Programm bis zum Referendum fortdauern würde; diese Forderung wurde umgehend abgewiesen. Ein Problem stellte außerdem das griechische Banksystem dar, nachdem sich vor den Bankautomaten die befürchteten Schlangen bildeten und der Ansturm begann. Am Sonntag ließ die EZB Liquiditätshilfen an griechische Banken auf dem derzeitigen Niveau einfrieren; das zwang die griechischen Regierungsstellen dazu, die Banken bis zum 6. Juli zu schließen einhergehend mit erheblichen Einschränkungen von Abhebungen und Überweisungen bei Wiederöffnung der Banken.

Diese Meldungen kennzeichnen eine sorgfältige Berechnung in dem Konflikt zwischen der griechischen Regierung und der Troika und die Chancen auf einen Grexit sind zweifellos größer als am Donnerstag und bewegen sich entgegengesetzt unserer Erwartungen auf eine Einigung in der letzten Woche. Wir sind dennoch der Ansicht, dass die Situation hoffnungsvoll ist und eine positive Lösung des Konflikts weiterhin möglich ist.

* Am späten Sonntag präsentierten die Troika weitere Vorschläge, die näher an die griechischen Forderungen heranrückten, inklusive einer niedrigeren Mehrwertsteuer für die Touristikbranche. Die Vertreter der EZB verkündeten, dass Kontakte weiterhin „auf allen Ebenen“ weitergeführt würden und dass das amerikanische Finazministerium den Druck auf alle Parteien verstärken würde, die Verhandlungen weiterzuführen. Nachdem die griechische Regierung die Verhandlungen abgebrochen hatte, erklärte die Troika, dass dieser neue Vorschlag bereits bearbeitet würde. Das vorgeschlagene Abkommen stellt daher kein Ultimatum dar, sondern ist weiter verhandelbar.

* Erste Umfragen, die dieses Wochenende veröffentlicht wurden, ließen erkennen, dass eine deutliche Mehrheit der Griechen für die angebotene Einigung der Troika stimmen würde. Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis behauptete in seinem Blog, dass die Mehrheit der Griechen gegen die Opposition der Regierung für eine Einigung stimmen würden und dass die Opposition ihre Meinung ändern würde, wenn ihnen bessere Vorschläge angeboten würden.

All das deutet auf einen positive Weg aus der Misere hin: Eine leichte Verbesserung der Bedingungen, die der griechischen Regierung angebotenen wurden, inklusive einer Schuldenumstrukturierung (zu einem gewissen Zeitpunkt unausweichlich) würde die griechische Regierung dazu bewegen, eine Ja-Abstimmung zu befürworten, einen Erdrutsch zu erzielen und die linksradikale Syriza zu umgehen.

Zum jetzigen Zeitpunkt jedoch bleibt das alles Spekulation. Der Euro sowie die Aktienmärkte befinden sich auf Talfahrt. Unserer Meinung nach reflektiert dies die optimistische Haltung von Tradern und Investoren zu den Chancen einer Einigung, die jedoch auf dem falschen Fuß erwischt wurden. Die Situation bleibt ungewiss; wir halten Sie auf dem Laufenden.

GBP

Letzte Woche gab es kaum makroökonomischer Daten, jedoch gab es Meldungen zu den Aussagen des MPC-Mitglieds Martin Waele, der in einem Interview mit der Financial Times ankündigte, sich in der Augustsitzung für eine Zinserhöhung aussprechen zu wollen. Da die Kerninflation und die Löhne zurückfederten (Ersteres erheblich schneller), legt dies den Grundstein für eine BoE-Zinserhöhung im ersten Quartal 2016. Die zurückhaltende Reaktion des Pfunds gegen den Dollar nach den Meldungen am Wochenende aus Griechenland sind ein Zeichen dafür, dass die Märkte es zunehmend antizipieren.

EUR

Die Umfragen zum Einkaufmanagerindex (EMI) revidierten den moderaten Rückgang des letzten Monats, obwohl die einzelnen Daten etwas schwächer ausfielen als der Hauptindex. Das derzeitige Niveau (54,1 des zusammengesetzten Indexes) hält sich konsistent bei 2 Prozent des BIP-Wachstums. Es gibt jedoch keine Anzeichen für eine weitere Beschleunigung, so dass 2 Prozent die Grenze des Eurozonenwachstums trotz der derzeitigen günstigen Bedingungen zu sein scheinen.

USD

Die Berichte aus den USA waren letzte Woche grundsätzlich positiv geprägt. Das BIP-Wachstum im ersten Quartal wurde von ursprünglich -0,7 Prozent auf 0,2 Prozent revidiert. Die Konsumausgaben stiegen um 0,6 Prozent im Monatsvergleich im Mai und die Messdaten der letzten Monate wurden ebenfalls nach oben revidiert. Wir erwarten weiterhin die erste Zinserhöhung im September, jedoch warten wir dazu zunächst (wie immer) auf den US-Abrechnungsbericht am Donnerstag.

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Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.