Starke US-Kennzahlen und Zinsrhetorik von Fed lassen Dollar steigen

Enrique Díaz-Álvarez17/Mai/2016Devisenmarkt

Der Dollar hat seine Erholung eine zweite Woche lang fortgesetzt. Während in den USA starke Einzelhandelszahlen zum Umsatz im April und weitere erfreuliche zweitrangige Wirtschaftskennzahlen veröffentlicht wurden, zeigt sich der Euroraum weiter schwach, diesmal im Hinblick auf seine Industrieproduktion. Bemerkenswert ist, dass Eric S. Rosengren, Präsident der Boston Fed und stimmberechtigtes Mitglied des Offenmarktausschusses der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), vehement unsere These einer hohen Diskrepanz zwischen den Markterwartungen hinsichtlich Leitzinserhöhungen in den USA und dem wahrscheinlichen Zinspfad vertrat, von dem auch die Fed selbst ausgeht. Mehr brauchte es nicht, um dem US-Dollar gegenüber allen weiteren wichtigen Währungen Auftrieb zu geben.

Für die kommende Woche erwarten wir eine verstärkte Volatilität an den Devisenmärkten mit Höchstständen zur Wochenmitte, wenn am Mittwochabend das Protokoll der letzten Fed-Sitzung veröffentlicht wird, gefolgt von jenem der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstagmorgen.

EUR

Nachdem mit den enttäuschenden Daten zur Industrieproduktion im März und zum BIP im ersten Quartal zwei Kennzahlen publik wurden, die hinter den Prognosen zurückblieben, geriet der Euro in der vergangenen Woche unter Druck. Das Protokoll der EZB-Sitzung im April wird in der kommenden Woche veröffentlicht. Wenngleich dieser Bericht freilich nicht den neuesten Wirtschaftskennzahlen Rechnung tragen wird, dürfte es interessant sein, zu lesen, wie der EZB-Rat auf das noch immer zurückhaltende Wachstum reagiert, während der Abwärtsdruck auf die Inflation ungebrochen anhält. Bedeutsam dürften auch etwaige Kommentare zu einem möglichen Brexit und zur Antwort des EZB-Rats auf einen solchen Fall der Fälle sein.

USD

Die überraschend starken Berichtszahlen zum US-Einzelhandel im April dürften erheblich dazu beitragen, aufkeimende Sorgen bezüglich einer abflauenden Konjunktur zu zerstreuen. Überdies verstärken sie noch die positive Stimmung aufgrund der Arbeitsmarktstatistik JOLTS, die einen sprunghaften Anstieg der Anzahl unbesetzter Stellen verzeichnet. Schließlich legte der zuvor für seine geldpolitisch lockere Haltung bekannte Gouverneur der Bostoner Zentralbank Eric S. Rosengren seinen Standpunkt hinsichtlich einer weiteren Leitzinsanhebung offen: Die Wahrscheinlichkeit künftiger Leitzinsanhebungen sei „höher, als derzeit in die Finanzmärkte eingepreist“ – die eindeutigste Aussage, die dafür spricht, dass die Zinsschritte der Fed schneller ausfallen werden, als der Markt vorwegnimmt. All dies feierte der US-Dollar mit einer Aufwertung gegenüber nahezu allen bedeutenden Währungen der Welt. Wir warten nun gespannt auf das Protokoll der Fed-Sitzung vom April, von dem wir uns die Bestätigung erhoffen, dass die Fed die Aussichten für die US-Wirtschaft tatsächlich optimistischer einschätzt, als der Markt für möglich hält.

GBP

Die Bank of England gab eine auffallend alarmierende Einschätzung der Auswirkungen ab, die das Referendum auf die britische Wirtschaft hat und je nach dessen Ausgang womöglich noch haben könnte. Mark Carney, Gouverneur der Zentralbank des Vereinigten Königreichs, zeichnete ein recht düsteres Bild von den Konsequenzen, die ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union („Brexit“) hätte. So drohten unter anderem eine deutliche Abwertung des Pfunds, eine höhere Inflation und ein niedrigeres Wachstum bis hin zum Risiko einer Rezession. Dies sind überaus deutliche Worte, die keinen Zweifel daran lassen, dass der Bank of England ein Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU weitaus lieber wäre – und diese Warnung wurde, was entscheidend ist, von allen neun Mitgliedern des geldpolitischen Ausschusses eindeutig mitgetragen.

Eine Vielzahl an Kennzahlen wird in der kommenden Woche veröffentlicht werden. So werden am Dienstag Daten zur Inflation vorgelegt, gefolgt vom Arbeitsmarktbericht für März am Mittwoch. Damit werden wir uns ein besseres Bild davon machen können, ob Bewegung in die Löhne und in die Teuerungsrate kommt. Bis zum Stichtag am 23. Juni werden jedoch die Brexit-Umfragen bei Weitem der entscheidendste Faktor für die Entwicklung des Pfunds bleiben.

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Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.