Dollar steigt weiter; Pfund erholt sich nach Brexit-Umfragen

Enrique Díaz-Álvarez23/May/2016Devisenmarkt

Schon geraume Zeit weisen wir darauf hin, dass die Kommunikation der US-Notenbank der wesentliche Treiber an den Devisenmärkten ist. Zwischen den Erwartungen der Märkte und den Projektionen des Offenmarktausschusses (FOMC) zum Tempo der Zinsanhebungen in den USA hatte sich eine große Kluft aufgetan und nach unserer Einschätzung würde die FED dies nicht längere Zeit so belassen. Das in der vergangenen Woche veröffentlichte Protokoll der FOMC-Sitzung von April lässt keinen Zweifel, dass der Ausschuss bei seinen Prognosen bleibt und die Vorhersage der Märkte, die von nur lediglich einer Erhöhung im Jahr 2016 ausgehen, für falsch hält.

Die Reaktion auf die restriktiven Töne der FED ließ nicht lange auf sich warten. Risikoanlagen wurden massiv verkauft und der Dollar legte gegenüber jeder Leitwährung mit Ausnahme des Pfund Sterling zu; in den Umfragen verliert der Brexit inzwischen an Boden, so dass das Pfund seinen negativen Start in das Jahr wettmacht und nicht mehr die Leitwährung ist, die 2016 bislang die schlechteste Performance aufweist. Diese zweifelhafte Ehre hat nun der mexikanische Peso.

Der Juni entwickelt sich zu einem überaus volatilen Monat. Die Ereignisrisiken häufen sich an. Neben dem Referendum in Großbritannien haben wir eine entscheidende Sitzung der US-Notenbank, Wahlen in Spanien und eine Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). Von daher überrascht es kaum, dass wir vonseiten unserer Kunden einiges Interesse an einer Absicherung ihres Engagements im Pfund Sterling und einen aufkommenden Strom von USD-Verkäufern erleben, die die Volatilität während der FOMC-Sitzung im Juni vermeiden wollen.

EUR

Im Gegensatz zu dem Feuerwerk, das das FOMC hervorrief, hielt das Protokoll von der Sitzung der EZB keinerlei Überraschungen bereit. Im Rat der EZB herrscht weitgehendes Einvernehmen über ihre Politik. Darüber hinaus wurde den Märkten nur wenig kommuniziert. Der Euro unternahm kaum mehr, als allen anderen Leitwährungen auf ihrem Abwärtstrend gegenüber dem US-Dollar zu folgen.

In der nächsten Woche werden die überaus wichtigen Einkaufsmanagerindizes veröffentlicht, die Auskunft über das Geschäftsklima vermitteln. Sie haben sich in den vergangenen drei Monaten insgesamt nur sehr wenig bewegt. Sie deuten nach wie vor auf moderates Wachstum in der Eurozone in einer Bandbreite von 1,5-2% hin. Wenn wir keine Anzeichen für einen Aufwärtstrend erleben, wird die EZB enttäuscht sein, dass ihre geldpolitische Lockerung nicht mehr Wirkung zeigt.

USD

Das am vergangenen Mittwoch veröffentlichte FOMC-Protokoll verstärkte die jüngsten restriktiven Töne, die von den stimmberechtigten Ausschussmitgliedern zu vernehmen waren. Für die US-Notenbank dürfte es schwierig sein, sich expliziter über die Fehlbewertungen zu äußern, die sie (wie wir) an den Zinsmärkten sieht, und sie scheut keine Mühe zu vermitteln, dass bei der Juni-Sitzung effektiv eine zweite Zinserhöhung auf dem Tisch liegt. Nach unserer Ansicht braucht es in ein paar Wochen nur noch einen anständigen Bericht vom Arbeitsmarkt, um das Ergebnis der Juni-Sitzung zu besiegeln. Auch wenn die Markterwartungen an die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juni von knapp 4% auf 30% am letzten Freitag gestiegen sind, besteht nach unserer Einschätzung noch Raum, dass sich diese Zahl weiter erhöht. Der Dollar war eindeutig unserer Meinung, denn er verteuerte sich gegenüber jeder Leitwährung mit Ausnahme des Pfund Sterling.

In der nächsten Woche stehen in den USA relativ wenige wichtige makroökonomische Verlautbarungen auf dem Programm. Nach unserem Dafürhalten wird die daraus resultierende relative Ruhe an den Märkten eine gute Gelegenheit zur Absicherung von Positionen vor den massiven Ereignisrisiken darstellen, die der Juni im Gepäck hat.

GBP

Die Daten zu Beschäftigung und Inflation der vergangenen Woche bestätigten, dass in Großbritannien trotz der Spannungen an den Arbeitsmärkten kein Inflationsdruck herrscht. Die Kerninflation fiel mit annualisierten 1,2% deutlich niedriger als erwartet aus, und der 1%ige Keil zwischen Lohnwachstum und Kerninflation bleibt intakt – dass die Reallöhne weiter leicht zulegen, ist ein durchaus positives Ergebnis. Einen weiteren Lichtblick stellten in der letzten Woche die Einzelhandelsumsätze dar. Wir sind nach wie vor zuversichtlich, dass das britische Wachstum in kurzer Zeit wieder bei 2% liegen wird, wenn sich der Streit über den Brexit legt.

Das Pfund Sterling wird immer noch fast ausschließlich von den letzten Umfragen über das Referendum angetrieben. Sie deuten immer mehr auf einen „Verbleib“ in der EU hin. Unser bevorzugter Indikator – der Number Cruncher Probability Score – weist nunmehr auf eine Wahrscheinlichkeit von lediglich 18% für einen EU-Austritt hin.

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Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.