Angst vor Brexit treibt US-Dollar in die Höhe, drückt auf Pfund Sterling

Enrique Díaz-Álvarez13/Jun/2016Devisenmarkt

Mit dem immer näher rückenden britischen Referendum über die Mitgliedschaft in der EU überschatten die dortigen Meinungsumfragen und politischen Taktierereien immer mehr die gesamtwirtschaftlichen Daten und politischen Nachrichten. Den Umfragen der letzten Woche war eine offensichtliche Stärkung der Austrittsbefürworter zu entnehmen, wodurch beim Pfund Sterling – sowie begleitend dazu bei Risikoanlagen im Allgemeinen – eine drastische Talfahrt einsetzte. Auch beimWechselkurs von Euro-Dollar sind die Auswirkungen des Referendums allmählich spürbar, wenn auch etwas gedämpfter.

Der Euro reagierte auf die Umfrageergebnisse in einer Größenordnung von etwa 20% der Veränderung des Pfunds gegenüber dem US-Dollar. Dies wird Devisenhändlern, in Anbetracht der Tatsache, dass sich der Termin des Referendums nähert und damit die Volatilität weiterhin zunimmt, gewisse Anhaltspunkte liefern. Der Euro wurde am Donnerstag zudem durch die Nachrichten belastet, dass die EZB bei ihren Ankäufen von europäischen Unternehmensanleihen aggressiver vorgeht als erwartet.

Das Ereignisrisiko an den Finanzmärkten dürfte mit Beginn der zweiten Juni-Hälfte ernsthaft zunehmen. In dieser Woche steht zunächst die Juni-Sitzung der US-Notenbank auf dem Programm. Die Chancen für eine Zinserhöhung wurden von den Märkten so gut wie ausgeschlossen, und das Augenmerk wird auf den Äußerungen des Offenmarktausschusses (FOMC) liegen. Dann haben wir jeweils eine Sitzung der Bank of England (BoE) und der Bank of Japan (BoJ). Die BoE wird hierbei voraussichtlich erneut betonen, dass das anstehende Referendum bei weitem das größte Risiko für die britische Wirtschaft darstellt. Im Hinblick auf die BoJ teilen wir nicht die Konsensmeinung, dass keine Maßnahmen ergriffen werden. Vielmehr rechnen wir mit einer weiteren geldpolitischen Lockerung.

Die Schweizer Nationalbank wird sich im späteren Wochenverlauf dem Reigen anschließen. Alles in allem erwarten wir eine turbulente Woche mit zunehmender Volatilität im Vorfeld der extremen Unsicherheit rund um das Referendum über den Brexit in der nachfolgenden Woche .

Beim EUR/USD erleben wir zurzeit Kapitalströme in beide Richtungen, da sowohl Käufer als auch Verkäufer ihr Engagement vor diesem großen zweigleisigen Ereignisrisiko eilig absichern.

In Südafrika hat die relative Widerstandsfähigkeit des Rand außerdem einige Käufer auf den Plan gerufen.

Die Angst vor einem Brexit und ein allgemeiner Schub der Risikoscheu führten dazu, dass der Schweizer Franken im Verhältnis zum Euro drastisch zulegte und beinahe die Spitze seiner Bandbreite vom letzten Jahr von etwa 1,08 erreichte. Infolgedessen gewinnt die Sitzung der Schweizer Nationalbank (SNB) in dieser Woche zunehmend an Brisanz. Wir erwarten eine konkretere verbale Intervention als in den vorhergehenden Quartalsverlautbarungen und rechnen nicht damit, dass der Franken deutlich über 1,08 steigen kann, ohne umfangreiche Devisenintervention aufseiten der SNB hervorzurufen.

EUR

Die Ankündigung der EZB am Donnerstag, dass sie Unternehmensanleihen mit niedrigerem Rating als von den meisten erwartet ankauft, erhöhte den Abwärtsdruck auf die Gemeinschaftswährung, welcher durch die Umfragen über das Brexit-Referendum schon allmählich übergeschwappt war. Die Ankäufe von Anleihen mit niedrigerem Rating wie Volkswagen und Telecom Italia bedeuten, dass EZB Präsident Mario Draghi immer noch an seiner Aussage festhält „alles Erforderliche zu unternehmen“. Makroökonomisch und geldpolitisch steht in dieser Woche kaum etwas auf dem Terminplan. Wir erwarten, dass der Euro bei Weitem mehr durch die Umfragen über das Referendum in Großbritannien und – ganz wichtig – die Sitzung der US-Notenbank am Mittwoch beeinflusst wird.

USD

Nachdem der Dollar in der vergangenen Woche durch Kapitalströme in sichere Häfen zulegte, wird er am nächsten Mittwoch bei der Juni-Sitzung der US-Notenbank (Fed) auf eine kritische Probe gestellt. Während so gut wie sicher ist, dass die Fed nicht an der Zinsschraube drehen wird, wird sie nach unserer Einschätzung erneut betonen, dass bei allen nachfolgenden Sitzungen ab Juli die Möglichkeit einer Zinserhöhung durchaus bestehen bleibt. Wir erwarten außerdem, dass der berühmte „Dot Plot“, in welchem die Mitglieder, die von ihnen erwartete zukünftige Leitzinsprojektion grafisch darstellen, im Verhältnis zur März-Sitzung weitgehend unverändert bleibt. Schließlich wird es nach unserer Ansicht eine unverbindliche Bewertung des Zustands der Wirtschaft geben, in der gleichermaßen auf die Abschwächung im letzten Arbeitsmarktbericht sowie auf den grundsätzlich positiven Ton anderer makroökonomischer Daten hingewiesen wird. Auf diese Weise hält sich die Fed ihre Optionen offen, die Zinsen im Juli zu erhöhen oder unverändert zu belassen, und wartet auf den Ausschlag gebenden Bericht über die Beschäftigtenzahl im Juni, bis sie ihre Entscheidung trifft.  

GBP

Die überraschend starken Zahlen zur Industrieproduktion im April wären normalerweise positiv für das britische Pfund gewesen, doch in den kommenden Wochen zählt nichts anderes als die Ergebnisse des Referendums am 23. Juni. Die Veröffentlichung von Umfragen, die das Lager derer, die den Ausstieg befürworten, deutlich an der Spitze sehen, haben dem Pfund Sterling ab Donnerstag zugesetzt. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Buchmacher immer noch auf eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 1 zu 3 für einen Austritt setzen, und unser Lieblingsindikator – der Number Cruncher – geht auch nach den Umfragen der letzten Woche von einer Wahrscheinlichkeit von knapp unter einem Viertel für den Ausstieg aus. Durch das Interview mit Brexit-Befürworter Michael Gove am Mittwoch wird Umfragen, die in den darauf folgenden beiden Tagen veröffentlicht werden, noch größere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

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Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.