Britisches Pfund steigt nach der Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox

Enrique Díaz-Álvarez20/Jun/2016Devisenmarkt

Nach wie vor reagieren die Finanzmärkte vor allem auf die neuesten Nachrichten zum diese Woche stattfindenden britischen Referendum über die EU-Mitgliedschaft. Nach der Erschießung von Jo Cox, Labour-Abgeordnete und prominente Befürworterin für einen Verbleib in der EU, durch einen Mann mit Verbindungen zur rechtsextremen Szene, wurde die Kampagne auf beiden Seiten ausgesetzt. Die Erwartung, dass dieses tragische Ereignis die Chancen der EU-Gegner vielleicht beeinträchtigt, hat dem britischen Pfund und in geringerem Umfang auch dem Euro Auftrieb verliehen.

Ungeachtet dessen wies der Dollar in der vergangenen Woche eine beeindruckende Entwicklung auf und konnte sich trotz eines gemäßigten Offenmarktausschusses (FOMC) zumeist gut behaupten. Die US-Notenbank hielt an ihren Erwartungen fest, dass es in diesem Jahr zwei Zinserhöhungen geben wird (das erwarten auch wir). Allerdings wurden die Erwartungen hinsichtlich der langfristigen Zinsen deutlich nach unten korrigiert.

Das Referendum in dieser Woche stellt das maßgebliche Ereignisrisiko von 2016 dar. Da das Referendum nur zwei mögliche Ergebinsse vorsieht, sind drastische Bewegungen an den Finanzmärkten garantiert, vor allem beim Pfund Sterling. Ebury setzt immer noch darauf, dass die Entscheidung für einen Verbleib in der EU ausfällt, wenn auch mit dünnen Vorsprung. Statistische Analysen und Buchmacher sind sich einig, dass, obwohl die  EU-Gegner  zuletzt Gewinne verzeichneten, die Wahrscheinlichkeit eines Brexit bei etwa 35% liegt. Wegen der Wichtigkeit des Ereignisses werden wir Sie die gesamte Woche über bis Donnerstagabend über die jüngsten Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Die Endergebnisse des Referendums werden dann voraussichtlich nach Mitternacht vorliegen.

EUR

Abermals war der Handel im EUR/USD in der letzten Woche zumeist ein Nebenschauplatz, da sich die gesamte Aufmerksamkeit auf das EU-Referendum konzentrierte. Dieses Währungspaar folgte GBP/USD, auch wenn die Bewegungen deutlich gedämpfter ausfielen.

Unter normalen Umständen wäre die Veröffentlichung der kritischen Einkaufsmanagerindizes als Indikatoren für die Stimmung in der Wirtschaft in dieser Woche ein sehr wichtiges Ereignis im Euro-Handel gewesen. Wir erwarten jedoch, dass diese Daten durch die jüngsten Umfragen und Nachrichten über das EU-Referendum in Großbritannien komplett ausgeblendet werden. Eine Abstimmung für den EU-Austritt würde den Euro im Verhältnis zum US-Dollar sicherlich stark sinken lassen. Eine Abstimmung für den Verbleib in der EU würde ihm wahrscheinlich einen kurzfristigen Anstieg von geringerer Größenordnung bescheren.

Um die Asymmetrie der Situation noch zu erhöhen, würde ein Ergebnis pro Austritt die meisten Analysten, uns inbegriffen, zwingen, eine ganze Reihe von grundlegenden Annahmen für die europäische Wirtschaft und mittelfristigen Abwärtsrisiken zu revidieren. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten!

USD

Die Juni-Sitzung der US-Notenbank (Fed) in der letzten Woche hatte an den Devisenmärkten kaum Reaktionen zur Folge. Die Zinsen blieben erwartungsgemäß unverändert, und die wichtigsten Neuigkeiten betrafen die Erwartungen der Fed an den zukünftigen Zinsverlauf. Die Mehrheit der Mitglieder rechnet damit, dass sich die Leitzinsen Ende 2018 nur noch auf 2,4% statt 3,0% belaufen. Das langfristige stabile Zinsniveau wird voraussichtlich bei nur noch 3,0% statt 3,3% liegen.

Der US-Dollar schöpfte aber dennoch etwas Hoffnung aus den vorsichtig optimistischen Tönen von Fed-Chefin Janet Yellen bei der Pressekonferenz und ihrer Andeutung, dass eine Zinsanhebung im Juli immer noch im Bereich des Möglichen liegt. Auch wenn die langfristigen Zinsen deutlich nach unten korrigiert wurden, konnte dies dem Dollar nicht sehr viel anhaben. In Anbetracht der drastischen Abwärtskorrekturen, die Mitglieder des Offenmarktausschusses (FOMC) an ihren langfristigen Zinserwartungen vornahmen, war die Entwicklung des Dollars ziemlich beeindruckend, denn handelsgewichtet beendete er die Woche lediglich mit einem knappen Minus.

Neben der morgigen Rede von Janet Yellen steht in den USA wenig auf dem Terminplan, was vom britischen EU-Referendum ablenken könnte. Wir rechnen damit, dass der Handel im US-Dollar in dieser Woche weitgehend durch Reaktionen auf Umfragen und Wahlergebnisse in Großbritannien bestimmt wird.

GBP

Mit dem näher rückenden Referendum sind alle anderen Probleme beim Pfund Sterling so gut wie vom Radar verschwunden. Weitere Umfragen, die einen Vorsprung der Austrittsbefürworter zeigten, setzten bis Donnerstagmittag das Pfund Sterling unter Druck, so dass die Währung einem Stand von 1,40 gegen den US-Dollar gefährlich nahe kam. Die tragischen Nachrichten vom Tod der Abgeordneten Jo Cox führten dann zu einer deutlichen kurzfristigen Erholungsrally, die die Notierung bis zum Geschäftsschluss am Freitag auf nahezu 1,44 steigen ließ. Die Märkte erwarten zurzeit, dass dieses schreckliche Ereignis der Kampagne der Austrittsbefürworter schadet.

Erste Umfrageergebnisse vom Wochenende deuten darauf hin, dass dies möglicherweise effektiv der Fall ist. Diese Devisenbewegungen sind aber nur ein Vorgeschmack auf die Volatilität, die wir für diese Woche erwarten. Wir gehen davon aus, dass das britische Pfund bei einem Sieg der Austrittsbefürworter sofort etwa 10% gegenüber dem US-Dollar abwertet und bei einem Sieg der Austrittsgegner um 5% aufwertet. Im Verhältnis zum Euro rechnen wir mit einer Abwertung von 8% bzw. einer Aufwertung von 4%.

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Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.