Pfund fällt auf tiefsten Stand seit 30 Jahren nach Abstimmung der Briten für den EU-Austritt

Enrique Díaz-Álvarez24/Jun/2016Devisenmarkt

Am Donnerstag trat das Pfund über Nacht den freien Fall in einer der dramatischsten Bewegungen einer Leitwährung der jüngeren Geschichte an, nachdem Großbritannien beim gestrigen historischen Referendum unerwartet für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat.

Als sich in den frühen Morgenstunden am Freitag die Ergebnisse zu Gunsten eines Brexit abzeichneten, brach der Wert des Pfund ein, das auf 1,33 gegenüber dem US-Dollar sank. Innerhalb weniger Stunden verzeichnete die britische Währung damit ein gewaltiges Minus von 10% und fiel auf ihren schwächsten Stand gegenüber dem Dollar seit 1985 (Abbildung 1).

Abbildung 1: GBP/USD (23.06.2016 – 24.06.2016)
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Quelle: Thomson Reuters Datastream, Stand: 24.06.2016

Seit Großbritannien 1992 aus dem Wechselkursmechanismus ausgetreten ist, hat das Pfund eine derart spektakuläre Abwertung innerhalb eines einzigen Tages nicht mehr erlebt. Die heftigen und volatilen Bewegungen waren bei weitem extremer als alles, was während der Finanzkrise zu beobachten war.

An Wert verloren hat das Pfund auch gegenüber allen anderen Leitwährungen. Dazu gehören eine Abwertung von 8% gegenüber dem Euro und ein kräftiger Rückgang von 15% im Verhältnis zum japanischen Yen. Zu einem starken Ausverkauf kam es auch bei der Gemeinschaftswährung selbst, die mit einem Minus von 4% gegenüber dem Dollar auf ihren niedrigsten Stand seit März sank (Abbildung 2). Gleichzeitig flohen Anleger in den als sicheren Hafen geltenden japanischen Yen, der zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren punktuell unter 100 gegenüber dem Dollar fiel.

Abbildung 2: EUR/USD (23.06.2016 – 24.06.2016)
Fig2
Quelle: Thomson Reuters Datastream, Stand: 24.06.2016

Auch Schwellenländerwährungen gerieten durch die Nachrichten in Turbulenzen. Vielen von ihnen wurden mit mehr als 3-4% gegenüber dem US-Dollar verkauft.

Wie hat Großbritannien abgestimmt?

Im Gegensatz zu einer Reihe von Meinungsumfragen in der vergangenen Woche, die für das ‚Remain‘-Lager einen hauchdünnen Vorsprung auswiesen, haben sich die Befürworter des EU-Austritts entgegen aller Erwartungen mit 52% gegen 48% durchgesetzt. Die überwältigende Zahl derer, die sich in London und Schottland für den Verbleib aussprachen, erwies sich als nicht genug, denn der Rest Englands, insbesondere die Regionen im Norden, stimmte massiv dafür, die EU zu verlassen.

Dieses Ergebnis kam für die Märkte am heutigen Morgen sehr überraschend. Denn als die Umfragen um 22 Uhr gestern Abend schlossen, hatten sie das mögliche Votum für den EU-Verbleib so gut wie komplett eingepreist. Zuvor war das Pfund auf einen neuen Höchststand in 2016 gestiegen, nachdem eine YouGov-Umfrage vom Tage auf einen Sieg der EU-Befürworter hindeutete.

Was kommt nun für die britische Wirtschaft?

Da das heutige Ereignis bislang beispiellos ist, lässt sich mit Sicherheit nur schwer vorhersagen, welche Auswirkungen auf die britische Wirtschaft entstehen. Ganz sicherlich rechnen wir mit einem ziemlich deutlichen Anstieg der Inflation, einem möglicherweise niedrigeren Wachstum und steigenden finanziellen Unsicherheiten. Die Bank of England hat bereits angedeutet, die britische Wirtschaft könnte zurück in eine Rezession verfallen, möglicherweise sogar noch vor dem Ende des Jahres.

Mit dem Austritt aus der EU ist außerdem die Möglichkeit einer Zinserhöhung durch die Bank of England so gut wie ausgeschlossen. Tatsächlich sehen wir sehr gute Chancen, dass die Bank nun sogar eine sofortige Zinssenkung vornehmen könnte, um dem möglichen Rückgang von Anlagen und Wachstum in Großbritannien entgegenzuwirken. Unter Umständen könnte diese Senkung sogar bis auf null Prozent gehen, ob nun in den kommenden Tagen oder bei der Zentralbanksitzung im Juli. Die Bank of England könnte sich zum Schutz des Pfund sogar zu einer Intervention am Devisenmarkt entschließen oder nach unkonventionelleren Methoden Ausschau halten, u. a. eine weitere Ausweitung ihrer quantitativen Lockerungspolitik.

Auch die politische Lage wird immer unsicherer, nachdem David Cameron heute Morgen seinen Rücktritt vom Amt des Premierministers ankündigte, nachdem er sechs Jahre lang an der Spitze der konservativen Partei stand.

Was kommt nun für die Leitwährungen?

Wir werden unsere langfristigen Prognosen für das Pfund deutlich nach unten korrigieren. Kurzfristig hängt vieles von der Reaktion von Währungshütern und Finanzbehörden ab, allen voran den Zentralbanken. Gerüchten zufolge soll die Bank of Japan heute früh schon interveniert haben, um die Aufwertung des Yen abzumildern. Kritische Bedeutung wird auch die Reaktion der Bank of England haben. Zweifellos finden augenblicklich Krisensitzungen in Frankfurt und Washington statt, und wir rechnen mit entsprechenden Maßnahmen, falls sich die Märkte nicht stabilisieren.

Nach unserer Einschätzung werden die negativen politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen, die aus diesem Ergebnis für den Rest der Europäischen Union entstehen, vom Markt vielleicht nicht hinreichend eingepreist. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es bereits Rufe nach einem ähnlichen Referendum über den EU-Austritt. Unserer Auffassung nach werden die Unsicherheiten über eine engere Fiskal- und Wirtschaftsunion zunehmen und die institutionelle Entwicklung der Währungsunion wird erheblich schwieriger. Selbst nach dem Ausverkauf der letzten Nacht spiegeln die derzeitigen Paritäten bei EUR/USD nach unserer Meinung diesen verschlechterten politischen Hintergrund nicht hinreichend wider. Wir rechnen für die Gemeinschaftswährung in den nächsten Wochen und Monaten mit einem Trend, der deutlich unter den aktuellen Ständen liegt.

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Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.