Stabilisierung des britischen Pfund, kräftige Erholung an den Aktienmärkten

Enrique Díaz-Álvarez04/Jul/2016Devisenmarkt

Die Märkte scheinen das Ergebnis des Referendums bislang ganz gut hinzunehmen. Beim britischen Pfund hat im Bereich von 1,30-1,35 gegenüber dem US-Dollar anscheinend versuchsweise eine Bodenbildung eingesetzt. Auftrieb erhielt die Währung durch die Erkenntnis, dass der berüchtigte Artikel 50 noch geraume Zeit nicht ausgelöst wird, vielleicht sogar nicht vor 2017. Der Euro hat sich einstweilen wohl bei einem Stand von über 1,10 stabilisiert, auch wenn diese Unterstützung in Anbetracht der entstehenden politischen Risiken und der Aussichten auf eine weitere geldpolitische Lockerung durch die EZB nach unserer Auffassung nicht sehr viel länger halten dürfte.

Die Aktienmärkte weltweit haben sich von ihrer anfänglichen Schlappe nach dem Referendum kräftig erholt. Der globale Index konnte sogar die gesamten Verluste, die er nach dem Referendum erlitten hatte, bis zum Wochenende wieder wettmachen. Devisen aus Schwellenländern gelang eine besonders beeindruckende Performance, denn nahezu jede wichtige dortige Währung schaffte deutliche Zuwächse gegenüber Euro und US-Dollar. Angeführt wurde die Rally vom brasilianischen Real und vom südafrikanischen Rand, wahrscheinlich den wesentlichen Leitwährungen unter den Schwellenländern. Die Aussichten auf schier unendliche geldpolitische Anreize aufseiten der Bank of England, der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank of Japan drängen Anleger derzeit anscheinend, überall dort nach Renditen Ausschau zu halten, wo Anleihen immer noch beträchtliche Zinsen abwerfen.

Neben unvorhersehbaren politischen Schlagzeilen aus Großbritannien und Brüssel warten wir immer noch auf Stimmungsindikatoren, die nach dem Referendum erhoben wurden, um ein erstes Gespür für die makroökonomischen Konsequenzen zu bekommen. In dieser Woche wird aber kaum etwas in dieser Richtung geschehen. Veröffentlicht wird lediglich der Sentix Index, typischerweise ein zweitrangiger Indikator für die Anlegerstimmung, der dieses Mal sicherlich einen unverhältnismäßigen Einfluss haben wird.

EUR

Ähnlich wie in Großbritannien werden von den anstehenden gesamtwirtschaftlichen Veröffentlichungen kaum irgendwelche Auswirkungen erwartet. Daten, die sich auf die Zeit vor dem Referendum beziehen, sind durch den überraschenden Ausgang und die Marktturbulenzen zumeist überholt. Die Devisenmärkte werden Erklärungen europäischer Politiker zum Umfang, in dem die britische Regierung von ihren Partnern Entgegenkommen und Geduld erwarten kann, genau im Auge behalten. Ein weiteres wesentliches politisch-wirtschaftliches Risiko entsteht rund um den Status italienischer Banken. Die geringere Ertragskraft, die durch die extrem lockere Geldpolitik der EZB verursacht wird, und die hohen Bestände an unrentablen Krediten überschatten den Sektor schon seit langem. Derzeit braut sich ein politischer Streit zwischen der italienischen Regierung und europäischen Behörden über einen möglichen staatlichen Sanierungsplan zusammen, dem sich die EU heftig widersetzt. In diesem Zusammenhang werden in dieser Woche wesentliche Entwicklungen erwartet.

GBP

Governor Carney von der Bank of England hat die laufende Rally bei Risikoanlagen mit seiner Äußerung befeuert, eine Zinssenkung im Sommer sei nahezu sicher, möglicherweise schon bei der Juli-Sitzung. Des Weiteren erklärte er, dass für die Banken außerordentliche Liquiditätsfazilitäten bereit gestellt und die Kapitalvorschriften für Banken zwecks Ankurbelung der Kreditvergabe gesenkt würden. Die Ankündigung schickte das britische Pfund zunächst auf Talfahrt, das sich aber rasch wieder etwas erholen konnte und gewisse Anzeichen für eine Bodenbildung bei etwa 1,19 Euro und 1,31 Dollar aufweist.

Die Märkte werden wahrscheinlich die in dieser Woche veröffentlichten Einkaufsmanagerindizes für Juni außer Acht lassen. Diese Indikatoren für die Stimmung in der Wirtschaft spiegeln den überraschenden Ausgang des Referendums nämlich noch nicht wider. Bis gegen Ende dieses Monats die Stimmungsbarometer für Juli bekannt gegeben werden, wird erst einmal nichts anderes zählen. Beim britischen Pfund ist bis zum Vorliegen dieser Informationen mit einem volatilen Handel zu rechnen. Eine Rolle spielt hierbei vor allem die Reaktion auf die Haltung der Europäischen Union auf die von Großbritannien beabsichtigte Verzögerung bei der Auslösung von Artikel 50 zur Umsetzung des Brexit. In diesem Zusammenhang sind bis zum Treffen der Euro-Gruppe am Montag, den 11. Juli, keine wesentlichen Ankündigungen zu erwarten.

USD

Der Arbeitsmarktbericht am kommenden Freitag stellt die einzigen gesamtwirtschaftlichen Informationen dar, bei denen mit erheblichen Auswirkungen auf die Devisenmärkte zu rechnen ist. Nach der Enttäuschung im letzten Monat gehen wir von robusten Zahlen aus und erwarten, dass im Juni insgesamt knapp unter 200.000 neue Stellen geschaffen wurden. Diese Bestätigung, dass die Schwäche im Mai lediglich ein einmaliges Ereignis war, dürfte sich allerdings nur moderat auf die Erwartungen an zukünftige Zinserhöhungen auswirken. Die Märkte werden sich außerdem auf Verlautbarungen der US-Notenbank konzentrieren, von denen es in dieser Woche eine ganze Reihe gibt. Am Dienstag spricht Dudley, am Mittwoch folgt Tarullo. Im späteren Verlauf dieses Tages erhalten wir dann auch das Protokoll für die letzte Sitzung des Offenmarktausschusses.

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Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.