Erholung beim britischen Pfund, nachdem Bank of England geldpolitische Lockerung auf August vertagt

Enrique Díaz-Álvarez18/Jul/2016Devisenmarkt

Spekulationen gegen das britische Pfund erreichten am vergangenen Dienstag beinahe Rekordstände. Doch eine derart gespannte Positionierung hat oft starke gegenteilige Bewegungen zur Folge. Das konnten wir in der vergangenen Woche eindeutig erleben. Die Bank of England ließ die Zinsen unverändert (auch wenn sie Zinssenkungen bei ihrer nächsten Sitzung so gut wie zusagte), und es kam zu einem Ansturm der Händler, um ihre Short-Positionen im britischen Pfund einzudecken. Das trieb das Pfund letzte Woche deutlich in die Höhe.

Die Aufwärtsbewegung beim Pfund wurde von den Aktienmärkten weltweit und Risikoanlagen im Allgemeinen sehr genau nachgebildet. Anleger rechnen nämlich immer mehr mit einer weiteren Runde geldpolitischer Fördermaßnahmen, nicht nur vonseiten der Bank of England, sondern auch der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank of Japan.

Die Nachrichten aus der Türkei liefen gerade über die Ticker, als die Händler in New York ins Wochenende aufbrachen. Prompt erlebte die türkische Lira ihren stärksten Ausverkauf seit der Krise 2008. Auch bei anderen Währungen aus Schwellenländern kam es zu Verlusten. Das Scheitern des Putsches hat die Stimmung im asiatischen Handel am Montag früh anscheinend verbessert, und mit Ausnahme der Lira haben sich alle Schwellenländerwährungen fast wieder auf den Stand von Freitag früh erholt.

In dieser Woche erwarten wir ein hohes Maß an Volatilität, denn dann werden wir die ersten belastbaren Belege für die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexit-Referendums erhalten. Am Freitag werden mit den Einkaufsmanagerindizes wichtige konjunkturelle Frühindikatoren in Großbritannien veröffentlicht. Am Tag davor kommen die Indizes für die Euro-Zone heraus. In Großbritannien wird mit einem deutlichen Rückgang auf ein Niveau gerechnet, das eine Schrumpfung der Wirtschaft bedeutet.

Bei den Erhebungen in der Euro-Zone erwarten die Märkte weniger starke Rückgänge. Wahrscheinlich wird jede Überraschung im Verhältnis zu den Markterwartungen sehr starke Marktbewegungen auslösen. Als ob das nicht schon genug wäre, findet am Donnerstag auch noch die Juli-Sitzung der EZB statt. Mit einer Änderung der Geldpolitik wird hierbei nicht gerechnet. Doch die Märkte werden die Pressekonferenz von Mario Draghi sehr genau auf Hinweise prüfen, ob die EZB eine weitere geldpolitische Lockerung in Erwägung zieht, um den makroökonomischen Schaden infolge des Referendums einzudämmen.

EUR

Auch für die Euro-Zone liegt eine kritische Woche vor uns. Neben der Juli-Sitzung der EZB werden wir hier genau wie in Großbritannien die ersten Anzeichen für Schäden sehen, die das Ergebnis des britischen Referendums am Geschäftsklima angerichtet hat. Auch hier werden die Schätzungen kaum mehr als eine Vermutung sein. Der Konsens erwartet aber einen Rückgang des Composite-Index von gut einem halben Punkt von 53,1 auf 52,5. Damit würde der Index seinen tiefsten Stand seit Anfang 2015 erreichen.

Eine negative Überraschung könnte die Gemeinschaftswährung nach unserer Ansicht stark unter Druck setzen und wahrscheinlich dazu führen, dass sie die Schwelle von 1,10 gegenüber dem Dollar eindeutig durchbricht.

Genauso wichtig werden die Äußerungen von Mario Draghi bei der Pressekonferenz nach der EZB-Sitzung am Donnerstag sein. Wir gehen davon aus, dass Mario Draghi nicht nur für mehr Klarheit über eine potenzielle weitere Lockerung in Anbetracht des britischen Referendums sorgt, sondern auch über möglichen Lösungen für das italienische Bankensystem.

USD

In der letzten Woche wurden die Juni-Daten für die Einzelhandelsumsätze und die Inflation bekannt gegeben. Beide Veröffentlichungen beinhalteten eine moderate Unterstützung für weitere Zinserhöhungen. Die Einzelhandelsumsätze warteten mit deutlichen positiven Überraschungen auf. Der Dreimonatsdurchschnitt der Kernumsätze unter Ausschluss von Automobilen und Benzin wächst nun mit annualisierten 5%. Die Kerninflation ihrerseits (bei der Lebensmittel und Energie wegen ihrer größeren Schwankungen ausgeschlossen sind) stieg auf 2,3% für das Jahr. Das ist ein weiteres Zeichen, dass eine gewisse geldpolitische Straffung angezeigt ist.

Die vom Markt eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung in 2016 ist inzwischen auf nahezu 50% gestiegen. Nach unserer Auffassung ist dies zwar immer noch zu niedrig, stellt aber sicherlich eine massive Veränderung gegenüber der Wahrscheinlichkeit von 10% dar, die die Märkte unmittelbar nach dem Referendum einpreisten. Da auch diese wichtige Kennzahl weiter steigt, gehen wir von einer guten Unterstützung des US-Dollars im Verhältnis zu jeder anderen Leitwährung in der Welt aus.

GBP

Das britische Pfund ist auf seinen höchsten Stand in diesem Monat geklettert. Hintergrund war die überraschende Ankündigung, dass mit Gertjan Vlieghe lediglich ein Mitglied des Geldpolitischen Ausschusses der Bank of England für eine sofortige Zinssenkung in diesem Monat stimmte. Die Bank of England ließ allerdings durchblicken, dass ein „Paket“ von Lockerungsmaßnahmen für die August-Sitzung auf dem Wege sei. Nach unserer Einschätzung ist so gut wie sicher, dass die Bank of England die Zinsen bei der Sitzung im nächsten Monat um 25 Basispunkte senkt. 

Alle Augen sind nun auf die Einkaufsmanagerindizes für Juli gerichtet, die am Freitag veröffentlicht werden und Aufschluss über das Geschäftsklima vermitteln. Diese Umfragen bei Unternehmensleitern werden die erste systematische Erhebung der Auswirkungen darstellen, die das Ergebnis des Referendums auf die Bereitschaft von Unternehmen, zu investieren, Mitarbeiter einzustellen und Einkäufe zu tätigen, mit sich bringt – das ist der Kernmechanismus, wie Unsicherheiten die Wirtschaft beeinflussen.

Die Märkte rechnen mit einem Rückgang des Composite-Index von 52,4 auf 48,5. Dieser Wert liegt deutlich unterhalb der Schwelle von 50, die Expansion und Schrumpfung voneinander trennt. In Anbetracht der bislang beispiellosen Situation ist diese Schätzung aber kaum mehr als ein Ratespiel. Zweifellos werden wir bis zum Handelsende am Freitag eine weit bessere Vorstellung von den Schäden infolge des Referendums für die britische Wirtschaft als heute haben. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten.

Erhalten Sie diese Marktupdates per E-Mail

Print

Verfasst von Enrique Díaz-Álvarez

Chief Risk Officer bei Ebury. Engagiert sich für maßgeschneiderte Strategien zur Minderung von Wechselkursrisiken, detaillierte Markteinsichten und FXFC-Prognosen für Bloomberg.